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Dr. Olga Sawitzkaja
Kunstwissenschaftlerin
Vom Geist des Bösen und Geistes Schwäche
«Kain» nach Lord Byron
(Russische Fassung von I. Bunin)
Theater «Russische Bühne»
Berlin, Deutschland
Regie: I. Sokolova-Gordon
I. Sokolova-Gordon’s
Inszenierung von Byrons «Kain» geriet zu einem der
beeindruckendsten Erlebnisse während des 11. Petersburger
Theaterfestivals «Treffen in Russland». Dieses jährlich
stattfindende Festival, zu dem Gäste aus dem In- und
Ausland anreisen - einige kommen jährlich – ist eines
der repräsentativsten in Russland. Die Berliner «Russische
Bühne» war das erste Mal dabei…
Von der Entstehungsgeschichte und den Existenzbedingungen der Truppe weiß die
Autorin ebenso wenig wie über die Umstände, in denen das Stück entstand.
Intellektuell
und visuell ist dieser «Kain» derart kraftvoll, dass die Szenen noch lange
vor dem inneren Auge lebendig bleiben.
Inna Sokolova-Gordon, die Regie führte und zugleich das Bühnenbild und die
Kostüme entwarf, bewies mit diesem Stück ihr großes szenisches Können.
Als Bühnenbild wählte sie für Byron’s philosophisches Drama eine abstrakte
Komposition mit minimalistischer Formensprache: Horizontalen, Vertikalen, Kugeln
und Vorhänge in schwarz-rot-weiß.
Die Abstraktion entbehrt jeglicher konkreter Bezüge. Alle Elemente sind streng
funktional. Der Minimalismus, die Einfachheit und der Reichtum der szenischen
Bilder illustrieren die formale Komposition des Stücks. I. Sokolova-Gordon’s
«Kain» ist zugleich rational und leidenschaftlich. Von Beginn an zieht die
Inszenierung den Zuschauer in ihren Bann, zwingt ihn zur Aufmerksamkeit und
zum Miterleben der inneren Konflikte.
Tempo und Rhythmus evozieren Spannung. Das Stück besteht aus einander folgenden
Episoden, die – jede gleich einem Hammerschlag - zum philosophischen Drama
führen. Die Episoden sind in sich geschlossen und justiert. Die Regie hält
die Darsteller permanent in Bewegung: entweder sie befassen sich mit Gegenständen
oder sie erschließen die Bühne in der Tiefe, Breite und Höhe. Die physische
Bewegung stimuliert das innere Erleben der Protagonisten, verschmilzt die äußere
Energie mit der Energie der Gedankenwelten. Die eher abstrakten Ideen von Gut
und Böse, Wahrheit und Lüge, Erkenntnisdurst, Tod und Unsterblichkeit werden
lebendig.
Luzifer
– Meister der Lüge und virtuoser Intrigant – gerät zum Glanzstück des Schauspielers
Vadim Grakowski.
Grakowski bringt die Eigenschaften der Figur sichtbar und lebendig, wie als
würde er sie materialisieren, zum Ausdruck. Sein Luzifer ist von quecksilberner
Beweglichkeit – dynamisch, pfiffig und gewandt, und es scheint, dass würde
man seine Bewegungen im Raum als Zeichnung festhalten, diese aussähe wie eine
gewundene, in sich verschlungene Kurve – das Abbild eines auf Abwegen befindlichen
Verstands. Doch zuallererst ist dieser Luzifer ein Trickbetrüger, und deshalb,
wie es sich für einen solchen geziemt, hitzig und kalt zugleich.
Die Dialoge gleichen Gefechten, sportlichen Wettkämpfen, einem Handgemenge.
Die Worte prallen aufeinander wie Schläge, die Schläge sind wie Ballwechsel.
Weiße Kugeln hüpfen über die Bühne… Queues kommen ins Spiel und Klingen werden
gekreuzt… Spielkarten fliegen durch den Raum… Jeder Bühnenaufgang – ein neues
Kostüm. Die Wechsel im Äußeren verleihen dem Spiel Dynamik, geben der Handlung
zusätzlich Spannung und Kraft. Die Darsteller ruhen nicht eine Sekunde. Die
Regieeinfälle, das Spiel mit den Gegenständen und die ununterbrochene Bewegung
treiben den Widerstreit auf die Spitze. Nach jeder dramatischen Zuspitzung
schlägt die Handlung einen neuen Bogen: Denn wer blufft ist unbesiegbar. Wer
«mit der Wahrheit in Versuchung führt», diese Wahrheit aber nicht zu fassen
ist, der gleitet unaufhaltsam ab in die Lüge.
Grakowski verleiht seiner Figur noch eine andere, rätselhafte Eigenschaft:
Die innere und äußere Quecksilbrigkeit ihres Charakters verbinden sich bei
ihm mit einer gewissen Starre; als wäre etwas in ihm gestorben, zum Stillstand
gekommen. Luzifer ist gewandt und ununterbrochen in Bewegung, doch kommt es
einem vor (obwohl es in Wirklichkeit nicht so ist), als wären Kopf und Nacken
klamm und starre wie ein Mannequin. Der kahle Schädel und die das Gesicht im
Zickzack in zwei Hälften trennende schwarze Linie sind das äußere Bild für
die inneren Widersprüche. Maske und Linie verwandeln der Tradition folgend
das lebendige Gesicht in eine unbewegliche Larve.
Der von André Moschoi dargestellte Kain offenbart seelische Sanftheit. Dieser
Kain ist nicht die Verkörperung des rebellierenden Verstand, sondern des Widerstreits
der Gefühle - ein schwacher Kain, dessen Aufbegehren Resultat der Schwäche
seines Geistes, nicht aber dessen Stärke ist. Zum Mysterium des Todes führt
den Sohn Evas nicht die Gier nach Erkenntnis, sondern infantile Neugier. Er
gleicht einer Stoffpuppe in den Händen eines Puppenspielers bzw. Knetmasse,
aus der der Geist des Bösen sich zum eigenen Ergötzen sein Spielzeug formt:
den Verräter, den Junky, den Mörder… Kain ist Werkzeug des Willens Luzifer.
Dieser führt seine Hand, als er tötet; im buchstäblichen Sinne. Die szenische
Materialisierung des geflügelten Wortes - "jemandes
Hand führen" - ist einer der besten Regieeinfälle. Denn Kain ist fähig, zum Schlag auszuholen,
unfähig aber, in auch auszuführen. Und in diesem Augenblick kommt ihm Luzifer
zur Hilfe, der sich bis zu diesem Zeitpunkt spöttisch, doch zugleich die von
ihm ausgehende Gefahr nicht verbergend, über Kain lustig gemacht hat. Letztlich
nutzt er die Gelegenheit, sich aktiv einzumischen. Abel ist Opfer beider: das
des willenlosen Kains und das Luzifers, der sich, nachdem er den Tod in die
Welt gebracht hat, geschickt herauswindet, indem er Jehova verleumderisch die
Schuld gibt.
Das Stück handelt von menschlicher Schwäche, von einer Seele, die sich auf
Ansprüche beschränkt und sich weigert zu wachsen. Diese Seele lädt anderen
ihre quälenden Zweifel auf und erhält Luzifer als Lehrer, den Meister der Lüge,
fähig allein dazu, geschenktes Vertrauen zu verraten.
In Byrons «Kain» ist dieser ein einsamer Eisblock, dem niemand zur Seite steht.
In dieser Inszenierung sind die Protagonisten untrennbar miteinander verbunden:
der Lehrer und sein aus eigenem Willen betrogener Schüler. Die untrennbare
Einheit des Geist des Bösen und der Schwäche des Geistes offenbaren sich.
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"Erste
Premiere im eigenen Theater"
"Berliner
Woche", 10. September 2008
Mit der Eigenproduktion "Kain" feiert
das Ensemble der "Russischen Bühne"... ... die erste Premiere... mehr >> .........................................................................................................
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Fotos
vom Theaterstück "Der
Kater, der mit sich allein spazieren geht"

Weitere Fotos
> Fotoarchiv
2007
> "Das
Meer austrinken (Aesop)"
>
„Das bucklige Pferdchen“
>
„Kain“
> „Wie
Jemelja sein Glück fand"
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