Theater "Russische Bühne", Kurfürstenstrasse 123 (Ecke An der Urania), 10785 Berlin   |   Telefonauskunft:  0151 - 152 17 998

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 Presse

Dr. Olga Sawitzkaja
Kunstwissenschaftlerin

Vom Geist des Bösen und Geistes Schwäche

«Kain» nach Lord Byron
(Russische Fassung von I. Bunin)
Theater «Russische Bühne»
Berlin, Deutschland
Regie: I. Sokolova-Gordon

    I. Sokolova-Gordon’s Inszenierung von Byrons «Kain» geriet zu einem der beeindruckendsten Erlebnisse während des 11. Petersburger Theaterfestivals «Treffen in Russland». Dieses jährlich stattfindende Festival, zu dem Gäste aus dem In- und Ausland anreisen - einige kommen jährlich – ist eines der repräsentativsten in Russland. Die Berliner «Russische Bühne» war das erste Mal dabei…
    Von der Entstehungsgeschichte und den Existenzbedingungen der Truppe weiß die Autorin ebenso wenig wie über die Umstände, in denen das Stück entstand.
    Intellektuell und visuell ist dieser «Kain» derart kraftvoll, dass die Szenen noch lange vor dem inneren Auge lebendig bleiben.
    Inna Sokolova-Gordon, die Regie führte und zugleich das Bühnenbild und die Kostüme entwarf, bewies mit diesem Stück ihr großes szenisches Können.
    Als Bühnenbild wählte sie für Byron’s philosophisches Drama eine abstrakte Komposition mit minimalistischer Formensprache: Horizontalen, Vertikalen, Kugeln und Vorhänge in schwarz-rot-weiß.
    Die Abstraktion entbehrt jeglicher konkreter Bezüge. Alle Elemente sind streng funktional. Der Minimalismus, die Einfachheit und der Reichtum der szenischen Bilder illustrieren die formale Komposition des Stücks. I. Sokolova-Gordon’s «Kain» ist zugleich rational und leidenschaftlich. Von Beginn an zieht die Inszenierung den Zuschauer in ihren Bann, zwingt ihn zur Aufmerksamkeit und zum Miterleben der inneren Konflikte.
    Tempo und Rhythmus evozieren Spannung. Das Stück besteht aus einander folgenden Episoden, die – jede gleich einem Hammerschlag - zum philosophischen Drama führen. Die Episoden sind in sich geschlossen und justiert. Die Regie hält die Darsteller permanent in Bewegung: entweder sie befassen sich mit Gegenständen oder sie erschließen die Bühne in der Tiefe, Breite und Höhe. Die physische Bewegung stimuliert das innere Erleben der Protagonisten, verschmilzt die äußere Energie mit der Energie der Gedankenwelten. Die eher abstrakten Ideen von Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Erkenntnisdurst, Tod und Unsterblichkeit werden lebendig.
    Luzifer – Meister der Lüge und virtuoser Intrigant – gerät zum Glanzstück des Schauspielers Vadim Grakowski.
    Grakowski bringt die Eigenschaften der Figur sichtbar und lebendig, wie als würde er sie materialisieren, zum Ausdruck. Sein Luzifer ist von quecksilberner Beweglichkeit – dynamisch, pfiffig und gewandt, und es scheint, dass würde man seine Bewegungen im Raum als Zeichnung festhalten, diese aussähe wie eine gewundene, in sich verschlungene Kurve – das Abbild eines auf Abwegen befindlichen Verstands. Doch zuallererst ist dieser Luzifer ein Trickbetrüger, und deshalb, wie es sich für einen solchen geziemt, hitzig und kalt zugleich.
    Die Dialoge gleichen Gefechten, sportlichen Wettkämpfen, einem Handgemenge. Die Worte prallen aufeinander wie Schläge, die Schläge sind wie Ballwechsel. Weiße Kugeln hüpfen über die Bühne… Queues kommen ins Spiel und Klingen werden gekreuzt… Spielkarten fliegen durch den Raum… Jeder Bühnenaufgang – ein neues Kostüm. Die Wechsel im Äußeren verleihen dem Spiel Dynamik, geben der Handlung zusätzlich Spannung und Kraft. Die Darsteller ruhen nicht eine Sekunde. Die Regieeinfälle, das Spiel mit den Gegenständen und die ununterbrochene Bewegung treiben den Widerstreit auf die Spitze. Nach jeder dramatischen Zuspitzung schlägt die Handlung einen neuen Bogen: Denn wer blufft ist unbesiegbar. Wer «mit der Wahrheit in Versuchung führt», diese Wahrheit aber nicht zu fassen ist, der gleitet unaufhaltsam ab in die Lüge.
    Grakowski verleiht seiner Figur noch eine andere, rätselhafte Eigenschaft: Die innere und äußere Quecksilbrigkeit ihres Charakters verbinden sich bei ihm mit einer gewissen Starre; als wäre etwas in ihm gestorben, zum Stillstand gekommen. Luzifer ist gewandt und ununterbrochen in Bewegung, doch kommt es einem vor (obwohl es in Wirklichkeit nicht so ist), als wären Kopf und Nacken klamm und starre wie ein Mannequin. Der kahle Schädel und die das Gesicht im Zickzack in zwei Hälften trennende schwarze Linie sind das äußere Bild für die inneren Widersprüche. Maske und Linie verwandeln der Tradition folgend das lebendige Gesicht in eine unbewegliche Larve.
    Der von André Moschoi dargestellte Kain offenbart seelische Sanftheit. Dieser Kain ist nicht die Verkörperung des rebellierenden Verstand, sondern des Widerstreits der Gefühle - ein schwacher Kain, dessen Aufbegehren Resultat der Schwäche seines Geistes, nicht aber dessen Stärke ist. Zum Mysterium des Todes führt den Sohn Evas nicht die Gier nach Erkenntnis, sondern infantile Neugier. Er gleicht einer Stoffpuppe in den Händen eines Puppenspielers bzw. Knetmasse, aus der der Geist des Bösen sich zum eigenen Ergötzen sein Spielzeug formt: den Verräter, den Junky, den Mörder… Kain ist Werkzeug des Willens Luzifer. Dieser führt seine Hand, als er tötet; im buchstäblichen Sinne. Die szenische Materialisierung des geflügelten Wortes - "jemandes Hand führen" - ist einer der besten Regieeinfälle. Denn Kain ist fähig, zum Schlag auszuholen, unfähig aber, in auch auszuführen. Und in diesem Augenblick kommt ihm Luzifer zur Hilfe, der sich bis zu diesem Zeitpunkt spöttisch, doch zugleich die von ihm ausgehende Gefahr nicht verbergend, über Kain lustig gemacht hat. Letztlich nutzt er die Gelegenheit, sich aktiv einzumischen. Abel ist Opfer beider: das des willenlosen Kains und das Luzifers, der sich, nachdem er den Tod in die Welt gebracht hat, geschickt herauswindet, indem er Jehova verleumderisch die Schuld gibt.
    Das Stück handelt von menschlicher Schwäche, von einer Seele, die sich auf Ansprüche beschränkt und sich weigert zu wachsen. Diese Seele lädt anderen ihre quälenden Zweifel auf und erhält Luzifer als Lehrer, den Meister der Lüge, fähig allein dazu, geschenktes Vertrauen zu verraten.
    In Byrons «Kain» ist dieser ein einsamer Eisblock, dem niemand zur Seite steht. In dieser Inszenierung sind die Protagonisten untrennbar miteinander verbunden: der Lehrer und sein aus eigenem Willen betrogener Schüler. Die untrennbare Einheit des Geist des Bösen und der Schwäche des Geistes offenbaren sich.
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"Erste Premiere im eigenen Theater"

"Berliner Woche", 10. September 2008

Mit der Eigenproduktion "Kain" feiert das Ensemble der "Russischen Bühne"... ... die erste Premiere...
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 Fotos



Fotos vom Theaterstück "Der Kater, der mit sich allein spazieren geht"

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Weitere Fotos

>  Fotoarchiv 2007
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